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Moskauer Prozesse
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Als Moskauer Prozesse werden vier Moskauer Gerichtsverhandlungen in den Jahren 1936 bis 1938 bezeichnet, in denen hohe Funktionäre der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), kurz KPdSU(B), und der Sowjetunion wegen angeblicher terroristischer und staatsfeindlicher Aktivitäten angeklagt und umgebracht wurden. Sie fielen in die Anfangszeit des GroĂen Terrors unter Josef Stalin, in der dieser die alte Garde der Bolschewiki, die noch aus der Gefolgschaft Lenins stammte, durch sogenannte Säuberungen aus dem Weg schaffte und damit seine Alleinherrschaft sicherte. Drei Prozesse waren Ăśffentliche Verhandlungen und als Schauprozesse organisiert, einer ein nichtĂśffentlicher Militärgerichtsprozess. In diesen Prozessen wurde politische Opposition innerhalb der KPdSU(B) zum Gegenstand einer Anschuldigung nach dem Strafrecht gemacht und damit fast die gesamte FĂźhrung der Oktoberrevolution ausgeschaltet. Nahezu alle gegen die Angeklagten erhobenen VorwĂźrfe wurden später widerlegt.
Contents
⢠Bedeutung
⢠Ablauf
⢠1. Prozess
⢠2. Prozess
⢠3. Prozess
⢠Rehabilitation
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
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Bedeutung
Die Moskauer Prozesse liquidierten die Hauptvertreter der Politikergeneration der Oktoberrevolution von 1917: Grigori Sinowjew war unter anderem Vorsitzender des Petrograder Sowjets und des Exekutivkomitees der Komintern gewesen, Alexei Rykow Vorsitzender des Rats der Volkskommissare, Lew Kamenew sein Stellvertreter und zudem Mitglied im Zentralkomitee der Partei der Bolschewiki, Nikolai Bucharin war PolitbĂźromitglied und Chefredakteur der Parteizeitung Prawda gewesen. Sinowjew und Kamenew wurden nach dem Prozess von 1936 erschossen, Rykow und Bucharin nach dem Prozess von 1938. Mit der Ermordung von Leo Trotzki durch sowjetische Agenten im Jahr 1940 in Mexiko war von den sechs bedeutendsten Männern, die Lenin in seinem Testament erwähnt hatte, nur Stalin Ăźbriggeblieben. Georgi Pjatakow und Karl Radek, ebenfalls Mitglieder des Zentralkomitees, wurden 1937 verurteilt. Mit den Prozessen entledigte sich Stalin, der im Hintergrund bei allen Prozessen die Regie fĂźhrte, aller mĂśglichen Opponenten in der Partei. Nahezu alle Parteimitglieder, die 1934 am âParteitag der Siegerâ als Delegierte teilgenommen hatten, wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. Insbesondere gegen die Anhänger des Leningrader Parteisekretärs Sergei Mironowitsch Kirow fĂźhrte Stalin einen Rachefeldzug.cite-ref-1[1]
Juristische Vorbereitung
Am 1. Dezember 1934 wurde Kirow ermordet. Er war ein persĂśnlicher Freund Stalins, der mit ihm zusammen in Urlaub gefahren war und seine politische Karriere sehr gefĂśrdert hatte.cite-ref-2[2] Der Stalin-Biograph Radsinski nannte Kirow Stalins âloyal henchmanâ (treuen Schergen) und zitierte aus Kirows Rede auf dem 17. Parteitag der KPdSU(B) 1934. Darin pries Kirow den âWoschdâ (Stalin) zweiundzwanzigmal mit panegyrischen (lobpreisenden) Worten.cite-ref-3[3] Noch am Tag von Kirows Ermordung wurde ein Gesetz erlassen, das die Justiz anwies, Terrorprozesse beschleunigt zu fĂźhren und die Todesurteile sofort zu vollstrecken. Dieses Gesetz nahm den Angeklagten weitgehend die ordentliche VerteidigungsmĂśglichkeit, die MĂśglichkeit, ihr Urteil ĂźberprĂźfen zu lassen, und die MĂśglichkeit, eine Begnadigung zu beantragen. Es wurde zu einer der Grundlagen fĂźr die politischen Morde der folgenden Jahre.
Ablauf
Chefankläger von 1936 bis 1938 war der Generalstaatsanwalt der Sowjetunion Andrei Wyschinski, der Nikolai Krylenko abgelĂśst hatte. Beide hatten 1928 im Schachty-Prozess eine tragende Rolle gespielt. In den Prozessen wurde jeweils behauptet, die Angeklagten hätten in einer verschwĂśrerischen Verbindung mit Trotzki und Agenten des kapitalistischen Auslands zum Zwecke der Unterminierung der Sowjetmacht (Artikel 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR) gestanden. Wer diese angeblichen Auftraggeber waren, richtete sich nach den jeweils vorherrschenden auĂenpolitischen BĂźndniswĂźnschen der Kreml-FĂźhrung: Mal wurden sie mehr in Berlin, mal mehr in London angesiedelt.
Anlass der Prozesse war die Ermordung des Leningrader Parteisekretärs Sergei Kirow 1934, hinter der angeblich Trotzki und seine vermeintlichen Handlanger im PolitbĂźro der KPdSU(B) steckten. Als âBeweiseâ hierfĂźr dienten vorher vom NKWD erfolterte Geständnisse der Angeklagten; Sachbeweise wurden nicht vorgelegt. Die zur Verurteilung fĂźhrenden Geständnisse kamen durch Foltercite-ref-4[4] oder psychischen Druck zustande, etwa durch die Drohung, auch AngehĂśrige zu verhaften, zu misshandeln oder zu tĂśten. Mehrere konkrete Aussagen der Angeklagten waren leicht zu widerlegen. Der im ersten Prozess angeklagte Golzmann wollte sich z. B. mit Trotzki bei dessen Besuch in Kopenhagen im Jahre 1932 getroffen haben, nach einem vorangehenden Treffen mit Trotzkis Sohn Leo Sedow im Hotel Bristol. Das Hotel war jedoch bereits im Jahr 1917 geschlossen worden. Sedow, der damals in Berlin wohnte, hatte zudem wegen Visumproblemen Ăźberhaupt nicht nach Kopenhagen fahren kĂśnnen. Ein weiterer Angeklagter, Olberg, sagte aus, dass Sedows geplante Reise in letzter Minute abgesagt worden sei. Diese eklatanten WidersprĂźche zwischen Golzmanns und Olbergs Aussagen erregten jedoch weder die Aufmerksamkeit des Staatsanwaltes, noch anderer Prozessbeteiligter oder der gefĂźgigen sowjetischen Presse.
Der damalige stellvertretende Volkskommissar Georgi Pjatakow, angeklagt im zweiten Prozess, soll nach eigener Aussage im Dezember 1935 mit einem âSonderflugzeugâ von Berlin nach Oslo geflogen sein, um sich dort mit Trotzki zu treffen. Abgesehen von der äuĂerst dĂźrren und unwahrscheinlichen Schilderung der Reise konnten die norwegischen BehĂśrden schnell feststellen, dass im Dezember 1935 kein einziges ausländisches Flugzeug in Oslo gelandet war.
Angebliche Tatsachen hielten der Konfrontation mit der Wirklichkeit nicht stand.
Im Einzelnen wurden folgende Prozesse gefĂźhrt:
1. Prozess
| Grigori Sinowjew | Vertrauter Lenins ; 1919â1926 Vorsitzender des Exekutivkomitees der Komintern ; ab 1934 Rektor der Universität Swerdlowsk . |
|---|---|
| Lew Kamenew | Enger Mitarbeiter Lenins, 1917 Mitglied des Zentralkomitees der kommunistischen Partei; 1928 Direktor des Instituts fĂźr Weltliteratur und des Akademie-Verlags. |
| Grigori Jewdokimow | seit 1903 Bolschewik, 1919 Mitglied des Zentralkomitees der kommunistischen Partei; Volkskommissar fĂźr die Lebensmittelindustrie. |
| Iwan Bakajew | seit 1908 Bolschewik, 1917 Vorsitzender des Petrograder Sowjets ; 1924â1928 Vorsitzender der Kontrollkommission der Kommunistischen Partei in Leningrad . |
| Sergei Mratschkowski | seit 1905 Bolschewik, Kommandeur der Roten Armee im BĂźrgerkrieg. |
| Wagarschak Ter-Waganjan | seit 1912 Bolschewik, 1917 Sekretär des Moskauer Komitees der kommunistischen Partei; Journalist und Herausgeber. |
| Iwan Smirnow | seit 1903 Bolschewik, Militärfßhrer der Roten Armee im Bßrgerkrieg; ab 1932 Abteilungsleiter im Volkskommissariat fßr Schwerindustrie. |
| Jefim Dreitzer | Kommandeur der Roten Armee. |
| Isaak Reingold | 1919 Mitglied des Zentralkomitees der kommunistischen Partei; 1934 stellvertretender Volkskommissar fĂźr Landwirtschaft. |
| Richard Pikel | 1918 Sekretär von Sinowjew; Literatur- und Theaterkritiker. |
| Eduard Golzmann | Sowjetischer Diplomat in Berlin. |
| Fritz David (Ilja-David Krugljanski) | seit 1929 Redakteur der Berliner Roten Fahne ; ab 1933 in Moskau Mitarbeiter von Wilhelm Pieck . |
| Valentin Olberg | Sohn von Paul Olberg ; ab 1927 Mitglied der KPD ; 1935 Pädagogikdozent in Gorki . |
| Konon Berman-Jurin (Hans Stauer) | Deutscher Komintern-Funktionär, seit 1933 in der Sowjetunion. |
| Moses Lurie (Alexander Emel) | ab 1927 Mitglied der Agitpropabteilung des Zentralkomitees der KPD ; ab 1934 Historiker an der Moskauer Universität. |
| Nathan Lurie | Chefarzt in Tscheljabinsk . |
Alle 16 Angeklagten wurden zum Tode verurteilt und am 25. August 1936 exekutiert.
2. Prozess
| Georgi Pjatakow | seit 1910 Bolschewik; 1930â1936 stellvertretender Volkskommissar fĂźr Schwerindustrie. |
|---|---|
| Karl Radek | Vertrauter Lenins im Schweizer Exil; seit 1920 Kominternfunktionär. |
| Grigori Sokolnikow | seit 1905 Bolschewik; 1935â1936 erster Stellvertreter des Volkskommissars fĂźr Forstwirtschaft. |
| Nikolai Muralow | seit 1903 Bolschewik, Organisator des Aufstands 1917 in Moskau, Kommandeur in der Roten Armee; seit 1925 Rektor der Timirjasew-Akademie fßr Landwirtschaft und Mitglied des Präsidiums der Staatlichen Plankommission . |
| Michail Boguslawski | seit 1917 Bolschewik; bis 1924 stellvertretender Vorsitzender des Moskauer Sowjets. |
| Leonid Serebrjakow | seit 1905 Bolschewik; 1930â1936 Chef der Zentralverwaltung fĂźr Verkehrswesen und GĂźterkraftverkehr. |
| Valentin Arnold | Wirtschaftsfunktionär. |
| Iwan Grase | Kominternfunktionär; seit 1934 in der Abteilung Chemieindustrie des Volkskommissariats fßr Schwerindustrie tätig. |
| Jakow Liwschitz | Stellvertretender Volkskommissar fĂźr Eisenbahnwesen. |
| Iwan Knjasew | Linker Sozialrevolutionär ; 1934â1936 im Volkskommissariat fĂźr Verkehrswesen tätig. |
| Jossif Turok | 1936 stellvertretender Leiter der Swerdlowsker Eisenbahn. |
| Stanislaw Rataitschak | 1932â1934 stellvertretender Volkskommissar fĂźr Schwerindustrie. |
| Boris Norkin | Wirtschaftsfunktionär in der Chemieindustrie, 1932â1936 Leiter des Kemerower âChemiekombinatbauâ. |
| Alexei Schestow | Wirtschaftsfunktionär in der Montanindustrie im Kuzbass . |
| Michail Stroilow | Leiter eines Bergwerks im Kuzbass , seit 1935 Chefingenieur von Kuzbasogul in Nowosibirsk . |
| Gawriil Puschin | 1931 Chefingenieur, im Kuzbass tätig. |
| Jakob Drobnis | seit 1907 Bolschewik; später stellvertretender Vorsitzender des Kleinen Rats der Volkskommissare . |
Dreizehn Angeklagte wurden zum Tode verurteilt und am 30. Januar 1937 hingerichtet. Die Angeklagten Arnold, Sokolnikow und Radek wurden zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, Stroilow zu acht Jahren. Alle vier starben noch vor Ende 1941 eines gewaltsamen Todes. Radek und Sokolnikow wurden im Mai 1939 angeblich von Mithäftlingen getÜtet, Arnold und Stroilow im September 1941 auf Geheià Stalins erschossen.
Nicht Üffentlicher Militärgerichtsprozess
Im Juni 1937 wurde ein nicht-Ăśffentlicher Militärgerichtsprozess unter der Anklage des Verrats, der Spionage und der VerschwĂśrung durch eine âanti-sowjetische trotzkistische Militärorganisationâ gefĂźhrt. Unter dem Vorsitz des Richters Wassili Ulrich, Vorsitzender des Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR, war speziell dazu ein Tribunal von Generalen der Roten Armee gebildet worden.cite-ref-9[9] Angeklagt durch den Generalstaatsanwalt der UdSSR Andrei Wyschinski wurden:
| Michail Tuchatschewski | Marschall der Sowjetunion | Generalstabschef und Vize-Verteidigungsminister |
|---|---|---|
| Iona Jakir | Armeebefehlshaber I. Ranges | Kommandeur des Kiewer Militärbezirks |
| Jeronimas UboreviÄius | Armeebefehlshaber I. Ranges | Kommandeur des WeiĂrussischen Militärbezirks |
| August Kork | Armeebefehlshaber II. Ranges | Leiter der Militärakademie âM.W. Frunseâ |
| Roberts Eidemanis | Korpskommandeur | Mitglied des Revolutionären Kriegsrates |
| Vytautas Putna | Korpskommandeur | Sowjetischer MilitärattachÊ in London |
| Boris Feldman | Korpskommandeur | Leiter der Kommando- und Stabsdirektion der Roten Armee |
| Witali Primakow | Korpskommandeur | Stellvertretender Kommandeur des Leningrader Militärbezirks |
Nicht mehr angeklagt werden konnte J. B. Gamarnik. Er war vor dem Mai 1937 im Range eines Armeekommissar I. Ranges als Leiter der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee und 1. Stellvertreter des Verteidigungsministers Woroschilow tätig. Er wurde ab dem 20. Mai 1937 schrittweise, beginnend mit seiner Versetzung in den Militärrat des Zentralasiatischen Militärbezirks, aller politischen und militärischen Ămter und Ränge enthoben. Am 31. Mai wurde er aus der Roten Armee entlassen und musste nunmehr mit seiner Verhaftung rechnen. Noch am gleichen Abend folgte sein Suizid.
Einige der Angeklagten bezichtigten sich selbst der konstruierten und grotesken Vorwßrfe und wiederholten die brutal erfolterten Geständnisse. Fast alle Angeklagten beschuldigten Tuchatschewski der Drahtzieher bzw. Anstifter einer VerschwÜrung zum Sturz bzw. der Ermordung Stalins gewesen zu sein. Alle Angeklagten wurden vom Tribunal zum Tode verurteilt und am 12. Juni 1937 hingerichtet. Auch viele ihrer FamilienangehÜrigen wurden hingerichtet oder deportiert.
Seitens der Tribunalmitglieder trug insbesondere Budjonny mit massiven Vorwßrfen gegenßber Tuchatschewskis Reform- und Modernisierungskurs zum Verlauf dieses Schauprozesses bei. Die von Tuchatschewski initiierte Modernisierung und Motorisierung der Roten Armee bedeuteten militärstrategisch eine Abwertung der im Bßrgerkrieg oft entscheidenden Kavallerieverbände, dies trug ihm den Hass des ihm spätestens seit der verlorenen Schlacht von Warschau ohnehin feindlich gegenßberstehenden Inspekteurs der Kavallerie Budjonny, den Tuchatschewski im Vorfeld schon mal als Analphabeten bezeichnete, ein.
Während die Parteisäuberungen von 1929 und 1933 das Militär kaum betrafen, wurden in den Wochen nach dem Prozess und bis Mitte 1938 viele Offiziere und Soldaten, auch Politkommissare verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt oder exekutiert. Auch die Generale, welche als Mitglieder des Tribunals an den Urteilen mitwirkten, wurden zum Ăźberwiegenden Teil später selbst Opfer des GroĂen Terrors.
Mitglieder des Militärtribunals
Marschall der Sowjetunion
⢠Wassili BlĂźcherâ
⢠Semjon Budjonny
Armeebefehlshaber I. Ranges
⢠Iwan Belowâ
Armeebefehlshaber II. Ranges
⢠Jakow Alksnisâ
⢠Pawel Dybenkoâ
⢠Nikolai Kaschirinâ
Korpskommandeur
⢠Jelissei Gorjatschewâ S
Nur zwei Mitglieder des Tribunals, die mit Stalin persĂśnlich besonders eng verbundenen Budjonny und Schaposchnikow, Ăźberlebten die mit dem Prozess beginnende faktische Enthauptung der Roten Armee (mit â sind die vor 1941 liquidierten Mitglieder des Tribunals gekennzeichnet, mit â S der Selbstmord Gorjatschews am 12. Dezember 1938 in Erwartung seiner unmittelbar bevorstehenden Verhaftung).
3. Prozess
| Alexei Rykow | seit 1903 Bolschewik, 1910 jedoch Differenzen mit Lenin, 1924â1930 Vorsitzender des Rats der Volkskommissare, somit der Nachfolger Lenins als Regierungsoberhaupt; 1931â1936 Volkskommissar fĂźr das Post- und Fernmeldewesen. |
|---|---|
| Nikolai Bucharin | seit 1906 Bolschewik, Theoretiker, Chefredakteur der Prawda ; 1934â1937 Chefredakteur der Iswestija . |
| Nikolai Krestinski | Vertrauter Lenins zur Zeit der russischen Revolution 1917; 1930â1937 stellvertretender AuĂenminister der UdSSR. |
| Christian Rakowski | 1929 Regierungschef der ukrainischen Sowjetrepublik , Komintern-Funktionär; seit 1934 Leiter der Verwaltung der Bildungseinrichtungen des Volkskommissariats fßr Gesundheitswesen und seit 1935 Vorsitzender des Roten Kreuzes der UdSSR. |
| Genrich Jagoda | seit 1917 Bolschewik, seit 1922 im Apparat der Tscheka ; 1934â1936 Volkskommissar fĂźr Innere Angelegenheiten der UdSSR, verantwortlich fĂźr die DurchfĂźhrung des ersten der Moskauer Prozesse(!). |
| Arkadi Rosenholz | seit 1905 Bolschewik; 1930â1937 Volkskommissar fĂźr AuĂenhandel. |
| Wladimir Iwanow | seit 1915 Bolschewik; seit 1931 KP-Chef fĂźr die Nordgebiete der UdSSR, 1936â1937 Volkskommissar fĂźr Holzindustrie. |
| Michail Tschernow | 1909 Menschewik, 1920 Bolschewik; seit 1934 Volkskommissar fĂźr Landwirtschaft. |
| Hryhorij Hrynko (Grigori Grinko) | zunächst Sozialrevolutionär , seit 1920 Bolschewik in der Ukraine; seit 1930 Volkskommissar fßr Finanzen. |
| Issaak Selenski | seit 1906 Bolschewik; seit 1934 Vorsitzender des Zentralverbandes der Konsumgenossenschaften. |
| Akmal Ikramow | seit 1918 Bolschewik; seit 1929 Chef der kommunistischen Partei in Usbekistan . |
| Fayzulla XoĘťjayev (ChodĹžaev) | seit 1925 Vorsitzender des Rats der Volkskommissare in Usbekistan. |
| Wassili Scharangowitsch | seit 1917 Bolschewik; seit 1934 Mitglied der Parteikontrollkommission , ab März 1937 KP-Chef in WeiĂrussland. |
| Prokopi Subarew | 1934â1937 stellvertretender Volkskommissar fĂźr Landwirtschaft. |
| Pawel Bulanow | seit 1921 Mitarbeiter der Tscheka ; 1934â1937 Sekretär der Sonderberatung des NKWD der UdSSR. |
| Lew Lewin | Arzt des Kreml-Krankenhauses, behandelnder Arzt von Lenin und Maxim Gorki . |
| Ignati Kasakow | Arzt im Tscheka-Apparat. |
| Wenjamin Maximow-Dikowski | seit 1920 Bolschewik; seit 1932 im Sekretariat des Rats der Volkskommissare tätig. |
| Pjotr Krjutschkow | seit 1918 Sekretär von Maxim Gorki. |
| Sergei Bessonow | 1933 Rat der Bevollmächtigten Vertretung der UdSSR in Deutschland. |
| Dmitri Pletnjow | Medizinprofessor an der Medizinischen Fakultät in Moskau. |
âGegenprozessâ
In diesen Prozessen war eigentlich immer der nicht anwesende Leo Trotzki, der ehemalige Vorsitzende des Petrograder Sowjets, der die MachtĂźbernahme der Sowjets am 7. November 1917 organisiert hatte, der Hauptangeklagte. Die Angeklagten hätten ihre Verbrechen in seinem Auftrag begangen, um den Kapitalismus in der Sowjetunion wieder zu errichten. Trotzki war im russischen BĂźrgerkrieg von 1918 bis 1923 Oberkommandierender der Roten Armee gewesen und 1929 mittels Ausweisung ins Exil gezwungen worden. Seitdem lebte er auĂerhalb der Sowjetunion (zunächst in der TĂźrkei, dann in Frankreich, später in Norwegen und von 1937 bis zu seiner Ermordung 1940 in Mexiko).
Das American Committee for the Defense of Leon Trotsky fĂźhrte 1937 zahlreiche Hearings durch, die als Ganzes einem Gerichtsprozess ähnelten. Die Dewey Commission unter Vorsitz von John Dewey konnte die wenigen vorgelegten materiellen âBeweiseâ durchgängig widerlegen und verĂśffentlichte am 21. September 1937 einen Bericht.cite-ref-11[11]
ĂuĂere Wahrnehmung und Wirkung
Die Moskauer Prozesse kĂśnnen als eine der ersten grĂśĂeren Krisen des Sowjetsystems mit AuĂenwirkung auf den UnterstĂźtzerkreis an vornehmlich intellektuellen Sympathisanten im westlichen Ausland angesehen werden. Angesichts der unmittelbaren Bedrohung durch den Nationalsozialismus in Mitteleuropa und den BĂźrgerkrieg in Spanien war dieser Effekt allerdings weniger bedeutsam als etwa jener des Ungarnaufstandes 1956 oder der Intervention des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei 1968 (âPrager FrĂźhlingâ). FĂźhrende linke Intellektuelle wie Louis Aragon, Ernst Bloch, Ernst Fischer rechtfertigten die Prozesse. Der während der Prozesse 1937 in der Sowjetunion weilende Lion Feuchtwanger durfte ein Gespräch mit Stalin fĂźhren und wĂźrdigte ihn einer VerĂśffentlichung.cite-ref-12[12] Zugleich diente ausgewähltes Material wie die Reden des Generalstaatsanwalts Andrei Wyschinski zum Beispiel in der DDR als Diskussionsgrundlage und Schulungsmaterial, um Säuberungen innerhalb der SED durchzufĂźhren.cite-ref-13[13]
Rehabilitation
In seiner Geheimrede Ăber den Personenkult und seine Folgen auf dem XX. Parteitag der KPdSU, mit der er die Entstalinisierung einleitete, erklärte Generalsekretär Nikita Chruschtschow am 25. Februar 1956, dass die Angeklagten zu Unrecht verfolgt wurden, unter anderem weil das Plenum des ZK der KPdSU vorher nicht gehĂśrt worden sei. Ferner sagte Chruschtschow: âDas Schuldbekenntnis vieler Verhafteter, die wegen feindlicher Aktivitäten angeklagt wurden, wurde mit Hilfe grausamer, unmenschlicher Folterungen erreicht.âcite-ref-14[14] Die volle Rehabilitierung vieler Angeklagter erfolgte Ăźber dreiĂig Jahre später im Zeitalter von Glasnost und Perestroika. Das PolitbĂźro des ZK der KPdSU hatte am 28. September 1987 zu diesem Zweck eine eigene Kommission gegrĂźndet, die zunächst unter dem Vorsitz von Michail Sergejewitsch Solomenzew, ab Oktober 1988 unter Alexander Nikolajewitsch Jakowlew arbeitete. Sie untersuchte die Fälle der Moskauer Prozesse und vieler anderer Opfer des Stalinismus und schloss ihre Arbeit im Juli 1990 mit der Rehabilitation von Ăźber einer Million SowjetbĂźrger ab.cite-ref-15[15]
Erklärungsversuche
Ăber die genauen HintergrĂźnde dieser Prozesse beziehungsweise der Säuberungen an sich bestehen in der historischen Forschung verschiedene Ansichten. Unter anderem wird persĂśnliche Machtsicherung ebenso fĂźr mĂśglich gehalten wie eine Paranoia Stalins.
Dimitri Wolkogonow bezweifelt, dass Stalin tatsächlich trotzkistische VerschwĂśrer und Agenten des Kapitalismus bekämpfen wollte. Die Säuberungen und die ihnen zugrunde liegenden VerschwĂśrungstheorien seien ursprĂźnglich ein im Kern rationales KalkĂźl zur äuĂeren Stabilisierung der Sowjetunion und zur Sicherung der persĂśnlichen Herrschaft gewesen, hätten dann aber eine Eigendynamik gewonnen und auf das Bewusstsein ihres Urhebers zurĂźckgewirkt.cite-ref-16[16]
ZeitgenĂśssische Darstellungen
⢠Volkskommissariat fßr Justizwesen der UdSSR (Hrsg.): Prozessbericht ßber die Strafsache des trotzkistisch-sinowjewistischen terroristischen Zentrums; Prozessbericht ßber die Strafsache des sowjetfeindlichen trotzkistischen Zentrums: Verhandelt vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR, 19.-24. August 1936. Moskau 1936 (Online).
⢠Volkskommissariat fßr Justizwesen der UdSSR (Hrsg.): Prozessbericht ßber die Strafsache des sowjetfeindlichen trotzkistischen Zentrums. Verhandelt vor dem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR vom 23.-30. Januar 1937. Moskau 1937.
⢠Volkskommissariat fßr Justizwesen der UdSSR (Hrsg.): Prozessbericht ßber die Strafsache des antisowjetischen Block der Rechten und Trotzkisten verhandelt vor dem Militarkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR vom 2.-13. März 1938. Moskau 1938.
⢠John Dewey u. a.: The Case of Leon Trotsky. Report of Hearings on the charges made against him in the Moscow Trials. Harper & Brothers, London / New York 1937 (Online).
⢠Leo Sedow: Rotbuch Ăźber den Moskauer ProzeĂ. Dokumente. Gesammelt und redigiert von Lew Sedow. Editions Lion de Lee, Antwerpen 1936. Zahlreiche Nachdrucke, u. a. Reprint: isp-Verlag, Frankfurt 1988, ISBN 3-88332-142-7. Online nach dem Nachdruck der Ausgabe der Spartakus GmbH Hamburg 1972 [1].
⢠Victor Serge: 16 fusillĂŠs : oĂš va la rĂŠvolution russe. J. Lefeuvre, Paris 1936. In Cahiers Spartacus Paris. Deutsche Ausgabe als Die sechzehn Erschossenen â Unbekannte Aufsätze II. mit einem Vorwort von Magdeleine Paz Cahiers. Verlag Association, Hamburg 1977, ISBN 3-88032-067-5 (Online).
⢠Leo Trotzki: Stalins Verbrechen. Ăbersetzt von Alexandra Pfemfert. Jean-Christophe-Verlag, ZĂźrich 1937. Neuausgabe Dietz, Berlin 1990, ISBN 3-320-01552-4.
Belletristische Bearbeitung
⢠Arthur Koestler: Sonnenfinsternis. 1940
⢠Stefan Heym: Radek. Roman. C. Bertelsmann, Mßnchen 1995.
⢠Anatoli Rybakow: Jahre des Terrors. Roman. Kiepenheuer & Witsch, KÜln 1990, ISBN 978-3-462-02044-1
⢠Eugen Ruge: Metropol. Roman. Rowohlt, 2019.
Literatur
⢠Wladislaw Hedeler & Steffen Dietzsch: Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938. Planung, Inszenierung und Wirkung. Akademie-Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-05-003869-1.
⢠Peter Huber & Hans Schafranek: Stalinistische Provokationen gegen Kritiker der Moskauer Schauprozesse. In: Wolfgang Neugebauer (Hrsg.): Von der Utopie zum Terror. Stalinismus-Analysen. Verlag fĂźr Gesellschaftskritik, Wien 1994, ISBN 3-85115-187-9, S. 97â134.
⢠Dimitri Wolkogonow: Stalin. Triumph und TragÜdie. Ein politisches Porträt. Claassen, Dßsseldorf 1989, ISBN 3-546-49847-X; ECON-Verlag, Dßsseldorf [u. a.] 1992, ISBN 3-430-19827-5.
⢠Wadim S. Rogowin: 1937, Jahr des Terrors. Arbeiterpresse-Verlag, Essen 1998, ISBN 3-88634-071-6.
⢠Hans Schafranek: Das kurze Leben des Kurt Landau. Ein Ăśsterreichischer Kommunist als Opfer der stalinistischen Geheimpolizei. Verlag fĂźr Gesellschaftskritik, Wien 1988, ISBN 3-900351-90-2, S. 374â427.
⢠Hans Schafranek: Zwischen Blocklogik und Antistalinismus. Die Ambivalenz sozialdemokratischer Kritik an den Moskauer Schauprozessen. In: Jahrbuch des Vereins fĂźr Geschichte der Arbeiterbewegung. Wien 1994, S. 38â65.
⢠Schauprozesse unter Stalin 1932â1952. Zustandekommen, HintergrĂźnde, Opfer. Mit einem Vorwort von Horst SchĂźtzler. Karl Dietz Verlag Berlin, Berlin 1990, ISBN 3-320-01600-8.
⢠Reinhard MĂźller: Der Fall des Antikomintern-Blocks. Ein vierter Moskauer Schauprozess. In: Jahrbuch fĂźr Historische Kommunismusforschung. Jg. 4, 1996, S. 187â214.
⢠Reinhard MĂźller: Wort-Delirium. Kampagnen von Komintern und KPD gegen Kritiker der Moskauer Schauprozesse, in: Michel Grunewald (Hg.), Das linke Intellektuellenmilieu in Deutschland, seine Presse und seine Netzwerke (1890â1960), Bern 2002, S. 523â556.
⢠Simon Sebag Montefiore: Stalin. Am Hof des roten Zaren. S. Fischer, Frankfurt 2005, ISBN 3-10-050607-3.
⢠Hermann Weber & Ulrich Mählert: Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936-1953. SchÜningh, Paderborn [u. a.] ISBN 3-506-75335-5; erweiterte Sonderausgabe 2001, ISBN 3-506-75336-3.
⢠Karl SchlĂśgel: Terror und Traum â Moskau 1937. Carl Hanser Verlag, MĂźnchen 2008, ISBN 978-3-446-23081-1.
Weblinks
⢠Steffen Dietzsch: Bucharin, Nikolai Iwanowitsch, Karl Radek et al., in: Kurt Groenewold, Alexander Ignor, Arnd Koch (Hrsg.): Lexikon der Politischen Strafprozesse, Online, Stand September 2015
Darstellungen
⢠Die Moskauer Schauprozesse (Memento vom 24. Juni 2003 im Internet Archive), Multimediaseite des CollegeRadios
Einzelnachweise
cite-note-11. â Alan Bullock: Hitler und Stalin, S. 402 f.
cite-note-22. â Dimitri Wolkogonow: Stalin. Triumph und TragĂśdie. Ein politisches Porträt. Claassen, DĂźsseldorf 1989, S. 296â310.
cite-note-33. â Edvard Radzinsky, Stalin, Doubleday, New York 1996, S. 306.
cite-note-44. â Reinhard MĂźller: NKWD-Folter. Terror-Realität und Produktion von Fiktion, in: Wladislaw Hedeler (Hrsg.): Stalinscher Terror 1934-41. Eine Forschungsbilanz, BasisDruck, Berlin 2002, S. 133â158.
cite-note-pb1-55. â Volkskommissariat fĂźr Justizwesen der UdSSR: Prozessbericht Ăźber die Strafsache des trotzkistisch-sinowjetischen terroristischen Zentrums. Moskau 1936
cite-note-dietzsch-66. â Steffen Dietzsch: Die Moskauer Prozesse (1936, 1937, 1938) in: Lexikon der Politischen Strafprozesse, Stiftung Kurt Groenewold, Online
cite-note-hedeler-77. â Wladislaw Hedeler & Steffen Dietzsch: Chronik der Moskauer Schauprozesse 1936, 1937 und 1938. Planung, Inszenierung und Wirkung. Akademie-Verlag, Berlin 2003
cite-note-pb2-88. â Volkskommissariat fĂźr Justizwesen der UdSSR: Prozessbericht Ăźber die Strafsache des sowjetfeindlichen trotzkistischen Zentrums. Moskau 1937
cite-note-99. â Peter J. Whitewood: The Red Army and the Great Terror. University Press of Kansas, 2015
cite-note-pb3-1010. â Volkskommissariat fĂźr Justizwesen der UdSSR: Prozessbericht Ăźber die Strafsache des antisowjetischen Blocks der Rechten und Trotzkisten. Moskau 1938.
cite-note-1111. â www.marxists.org: THE CASE OF Leon Trotsky. â Report of Hearings on the Charges Made Against Him in the Moscow Trials
cite-note-1212. â Sheila Fitzpatrick: Stalins Mannschaft. Teamarbeit und Tyrannei im Kreml. SchĂśningh, Paderborn 2017, ISBN 978-3-506784-32-2, S. 100 f.
cite-note-1313. â https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/81_2_Hedeler.pdf Wladislaw Hedeler: Die Szenarien der Moskauer Schauprozesse 1936 bis 1938
cite-note-1414. â Rede des Ersten Sekretärs des CK der KPSS, N. S. ChruĹĄÄev auf dem XX. Parteitag der KPSS (âGeheimredeâ) und der Beschluss des Parteitages âĂber den Personenkult und seine Folgenâ, 25. Februar 1956, Zugriff am 7. Juli 2010.
cite-note-1515. â Horst SchĂźtzler, Vorwort, in: Schauprozesse unter Stalin 1932â1952. Zustandekommen, HintergrĂźnde, Opfer, Dietz, Berlin 1990, S. 8 f.
cite-note-1616. â Dimitri Wolkogonow: Stalin. Triumph und TragĂśdie. Ein politisches Porträt, S. 18. Econ Taschenbuch Verlag, 1989/1999, ISBN 3-546-49847-X.